Berufliche Situation klären: Eine einfache Übung für mehr Klarheit
Vielleicht kennst Du das: Eine Situation im Job beschäftigt Dich immer wieder.
Du gehst Gespräche im Kopf durch. Ärgerst Dich über Entscheidungen. Fragst Dich, warum sich Deine Arbeit plötzlich so schwer anfühlt oder warum Du Dich mit einer bestimmten Situation immer wieder beschäftigst.
Je länger Du darüber nachdenkst, desto mehr Gedanken kommen dazu.
Aber nicht unbedingt mehr Klarheit.
Ein Grund dafür kann sein, dass sich Beobachtungen und Bewertungen miteinander vermischt haben.
Und genau diese Vermischung kann dazu führen, dass eine berufliche Situation immer unübersichtlicher erscheint.
Eine einfache Übung kann helfen, beides wieder voneinander zu trennen.
Wenn Beobachtungen und Bewertungen durcheinandergeraten
In Gesprächen über schwierige berufliche Situationen fallen häufig Sätze wie:
- „Seit März betreue ich zusätzlich Projekt X.“
- „Ich werde ausgenutzt.“
(Hinter „Ich werde ausgenutzt.“ können fehlende Grenzen, eine dauerhaft hohe Belastung oder das Bedürfnis nach Fairness liegen --> siehe Artikel „Grenzen setzen im Beruf: Warum klare Kommunikation allein nicht reicht“ - „Meine Führungskraft hat mir drei weitere Aufgaben übertragen.“
- „Man sieht meine Leistung nicht.“
Diese Aussagen wirken auf den ersten Blick ähnlich.
Sie beschreiben aber unterschiedliche Ebenen.
„Seit März betreue ich zusätzlich Projekt X.“ beschreibt zunächst etwas Beobachtbares.
„Ich werde ausgenutzt.“ enthält dagegen bereits eine Interpretation oder Bewertung der Situation.
Beides darf da sein.
Und beides kann wichtig sein.
Aber es ist nicht dasselbe.
Wenn wir Beobachtungen, Gedanken und Bewertungen nicht mehr voneinander unterscheiden, kann sich eine berufliche Situation schnell eindeutiger und festgefahrener anfühlen, als sie tatsächlich ist.
Eine einfache Übung, um Deine berufliche Situation zu sortieren
Nimm ein Blatt Papier und ziehe eine Linie in die Mitte.
Schreibe auf die linke Seite:
Was kann ich konkret beobachten?
Auf die rechte Seite:
Wie bewerte oder interpretiere ich das?
Dann nimm eine Situation, die Dich gerade beschäftigt, und schreibe Deine Gedanken dazu auf.
Zum Beispiel:
Beobachtung:
„Meine Führungskraft hat mir in dieser Woche drei zusätzliche Aufgaben übertragen.“
Bewertung:
„Meine Führungskraft nimmt keine Rücksicht auf meine Belastung.“
Oder:
Beobachtung:
„In den letzten beiden Besprechungen wurde mein Vorschlag nicht aufgegriffen.“
Bewertung:
„Meine Meinung interessiert hier niemanden.“
Versuche dabei nicht, Deine Bewertungen wegzudiskutieren oder Dir einzureden, dass Du eine Situation falsch wahrnimmst.
Darum geht es nicht.
Es geht zunächst nur darum, sichtbar zu machen, was Du beobachtet hast und welche Bedeutung Du dem Beobachteten gibst.
Warum diese Unterscheidung für mehr Klarheit sorgen kann
Unser Gehirn interpretiert ständig, was um uns herum geschieht.
Das ist notwendig. Wir versuchen, Situationen einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und auf Grundlage unserer Erfahrungen Entscheidungen zu treffen.
Schwierig wird es, wenn aus einer Interpretation unbemerkt eine scheinbare Tatsache wird.
Aus:
„Mein Vorschlag wurde in zwei Besprechungen nicht aufgegriffen.“
wird:
„Meine Meinung zählt hier nicht.“
Und daraus vielleicht irgendwann:
„Ich werde in diesem Unternehmen grundsätzlich nicht ernst genommen.“
Das kann stimmen.
Es kann aber auch sein, dass noch andere Erklärungen möglich sind.
Die Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung schafft deshalb einen kleinen Abstand zwischen dem, was passiert ist, und dem, was Du daraus schließt.
Und dieser Abstand kann neue Fragen ermöglichen.
Was steckt hinter Deiner Bewertung?
Interessant wird es häufig auf der rechten Seite des Blattes.
Denn Deine Bewertungen sind nicht einfach „falsch“.
Im Gegenteil: Sie können wichtige Hinweise darauf geben, was Dir in Deiner beruflichen Situation fehlt oder besonders wichtig ist.
Hinter
„Man sieht meine Leistung nicht.“
kann zum Beispiel der Wunsch nach Anerkennung stehen.
Hinter
„Ich werde ausgenutzt.“
können fehlende Grenzen, eine dauerhaft hohe Belastung oder das Bedürfnis nach Fairness liegen.
Und hinter
„Hier kann ich sowieso nichts verändern.“
kann die Erfahrung stecken, wenig Einfluss auf Entscheidungen zu haben.
Dann wird aus einem zunächst diffusen Gefühl langsam eine konkretere Frage:
Was genau belastet mich an dieser Situation eigentlich?
Klarheit bedeutet nicht, die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen
Das ist mir bei dieser Übung wichtig.
Es geht nicht darum, eine schwierige berufliche Situation schönzureden.
Und auch nicht darum, bei jedem Problem zu denken:
Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.
Die Frage lautet vielmehr:
Was weiß ich – und was schließe ich daraus?
Beides kann anschließend betrachtet werden.
Vielleicht bestätigt sich Deine Einschätzung.
Vielleicht entdeckst Du aber auch einen anderen Zusammenhang.
Oder Du stellst fest, dass hinter Deinem Ärger ein Wert oder Bedürfnis steckt, das in Deiner aktuellen Arbeit schon länger zu kurz kommt.
Genau dadurch wird aus einem diffusen Gefühl zunehmend ein verständliches Bild Deiner beruflichen Situation.
Von der Klarheit zu möglichen nächsten Schritten
Wenn klarer wird, was tatsächlich passiert und was Dich daran beschäftigt, verändert sich häufig auch die Frage nach der Lösung.
Statt:
„Soll ich kündigen?“
kann die Frage beispielsweise lauten:
„Was müsste sich verändern, damit ich wieder mehr Gestaltungsspielraum habe?“
Statt:
„Warum werde ich hier nie ernst genommen?“
vielleicht:
„In welchen Situationen erlebe ich das konkret – und was möchte ich dort künftig anders machen?“
Oder Du stellst tatsächlich fest:
„Das, was mir wichtig ist, kann ich unter diesen Rahmenbedingungen kaum verwirklichen.“
Auch das ist eine wichtige Erkenntnis.
Denn berufliche Klarheit bedeutet nicht zwangsläufig, zu dem Ergebnis zu kommen, dass alles bleiben kann, wie es ist.
Sie hilft Dir vielmehr dabei, genauer zu verstehen, worüber Du eigentlich entscheiden möchtest.
Wenn Du Deine berufliche Situation nicht allein sortieren möchtest
Manchmal reicht eine solche Übung bereits aus, um einen anderen Blick auf die eigene Situation zu bekommen.
Und manchmal wird dabei erst sichtbar, dass verschiedene Themen miteinander zusammenhängen: Aufgaben, Erwartungen, Werte, Bedürfnisse, Beziehungen oder die Frage, ob der bisherige berufliche Weg überhaupt noch zu Dir passt.
Genau dort setzt Sichtwechsel an.
Gemeinsam betrachten wir Deine aktuelle berufliche Situation mit etwas Abstand, sortieren, was gerade wirkt, und machen sichtbar, welche Handlungsmöglichkeiten daraus entstehen.
Ich sage Dir dabei nicht, was Du tun sollst. Wir schaffen eine Grundlage, auf der Du Deine eigenen nächsten Schritte bewusster entscheiden kannst.